Montag, 23. Mai 2016

Wenn du dich traust, Kira Gembri

Dann war’s das jetzt mit den Zahlen. Dein Leben soll nicht mehr gezählt werden, sondern geschätzt. Und ich schätze, es könnte ziemlich gut werden – wenn du dich traust.-Jay, S.269

Inhalt:
Lea zählt – ihre Schritte, die Erbsen auf ihrem Teller, die Blätter des Gummibaums. Sie ist zwanghaft ordentlich und meistert ihren Alltag mit Hilfe von Listen und Zahlen. Jay dagegen lebt das Chaos, tanzt auf jeder Party und hat mit festen Beziehungen absolut nichts am Hut. Niemals würde er freiwillig mit einem Mädchen zusammenziehen, schon gar nicht mit einem, das ihn so auf die Palme bringt wie Lea. Und Lea käme nie auf die Idee, mit Jungs zusammen zwischen Pizzakartons und Schmutzwäsche zu hausen. Sonnenklar, dass es zwischen den beiden heftig kracht, als sie aus der Not heraus eine WG gründen.

Meine Meinung:
Wenn du dich traust ist die erste Geschichte, die ich von Kira Gembri gelesen habe – und sicherlich nicht die letzte. Ich habe noch nie ein Buch gelesen, in welchem die Protagonistin unter einer Zwangsstörung leidet, und das war eine sehr interessante Erfahrung. Aber zuerst einmal mehr zu den Figuren:

Lea wirkt anfangs eher schüchtern, aber dies ändert sich im Laufe des Buches. Sie ist nicht gut auf ihre Familie zu sprechen, da keiner von ihnen sie verstehen kann und Lea außerdem zwei Jahre zuvor ihrem kleinen Bruder eine bleibende Verletzung zugefügt hat. Seit diesem Vorfall berührt sie ihren Bruder nicht mehr, und ihre Zwänge haben sich stark verschlimmert. Sie verbringt ihre Zeit mit Zählen und Kontrollieren. Doch als sie Jay kennenlernt (und sich dann auch in ihn verliebt), geht es ihr besser und sie kommt ohne ihre Rituale, Zahlen und Kontrollgänge klar. Sie verändert aber auch sein Leben, ist für ihn da und macht ihn glücklich.

…HAB ICH DICH AM WICKEL! « Jay packt mich im Nacken, und ich kreische los, als hätte mein letztes Stündlein geschlagen. Mein Quieken dauert an, bis Jay sich von mir herunter auf die Matratze wälzt. Er lacht so sehr, dass es ihn am ganzen Körper schüttelt. -Lea, S. 252
Jay lebt in einer WG mit seinen Freunden Alex und Flocke. Auch er ist nicht gut auf seine Familie zu sprechen. In seiner Kindheit wurde er von seinem Vater regelmäßig verprügelt, weshalb er eine Narbe im Gesicht hat, während seine Mutter dabei zugesehen und ihn nicht beschützt hat. Diese Vorkommnisse haben zu seiner starken und abgehärteten Persönlichkeit geführt. Jay arbeitet bei Mike, einem Drogendealer, um die hohen Schulden, die sein Vater bei diesem hat, abzubezahlen. Dabei wird er einmal von der Polizei erwischt, und bei seiner Gerichtsverhandlung wird sein Urteil gefällt: Er kann eine Haftstrafe umgehen, wenn er 72 Sozialstunden in einer psychiatrischen Anstalt erledigt, in welcher er Lea begegnet.

Es klingt eigentlich nur wie ein Luftzug, aber das genügt, um meinen Kopf hochschnellen zu lassen. Im Türrahmen steht das irre Gummibaummädchen und starrt mich an.  -Jay, S. 44
Das Buch ist einfach unglaublich. Ich habe es innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Die Autorin hat es geschafft, humorvolle, ernste, spannende und romantische Momente zu einer einzigartigen Geschichte zu kombinieren. Die Liebe zwischen Lea und Jay entwickelt sich langsam, und da das Buch aus den Sichten beider geschrieben ist, fällt es einem leichter, ihre Gedankengänge und Gefühle nachzuvollziehen.

Am Beginn des Buches fiel es mir noch ein wenig schwer, mich in Lea mit ihrer Krankheit hineinzuversetzen, aber recht bald habe ich ihre Zwangsstörung als einen Teil von ihr akzeptiert, und daraufhin war es für mich nicht mehr schwierig, aus der Sicht einer Protagonistin mit Verhaltensstörung zu lesen. Doch trotz ihres Ticks gibt es auch viele Stellen, in denen mir Lea wie ein normales Mädchen vorkam.

Der Schreibstil von Kira Gembri ist gut für Jugendliche geeignet und sehr humorvoll. Es gab viele Stellen, an denen ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, vor allem, wenn Leas Selbstbewusstsein in  Kombination mit ihrer Intelligenz zum Vorschein kommt. Die Autorin geht offen mit dem Thema Verhaltensstörung um. Jetzt darf man aber nicht denken, dass die Geschichte durch Leas Krankheit bedrückend wirkt, denn genau das ist nicht der Fall. Als Leser wird man verständlich und dem Thema angemessen in die Geschichte eingeführt.

Auch zum Cover möchte ich noch ein paar Worte hinzufügen. Mir persönlich ist zwischen vielen Büchern dieses Buch sofort ins Auge gestochen. Die Farbkombination finde ich sehr schön, sie ist einerseits bunt und andererseits schlicht gehalten. Das Cover drückt für mich aus, wie sehr sich Lea von den anderen Menschen unterscheidet. Dieses Mädchen, das auf der Schaukel sitzt, ganz allein, und auf die Stadt hinabsieht, als würde es den anderen Menschen zusehen, wie sie ihr alltägliches, normales Leben führen, das ist für mich definitiv Leas Situation. Hierbei möchte ich auch noch ihre Einsamkeit betonen, wie sie zwischen den im Wind wirbelnden Blättern sitzt und ganz weit entfernt vom Boden die Häuser betrachtet. Aber komplett allein ist sie nicht auf dem Cover, schließlich steht ja auf dem Boden ein Junge, Jay, und betrachtet ebenfalls die Stadt. Auch hier wird deutlich, dass er in einem anderen Umfeld lebt als andere Menschen. Wie bereits gesagt, dieses Cover spricht mich sehr an.

Fazit:
Wie das Buch schon sagt: Traut euch, es zu lesen! Diese Geschichte lohnt sich wirklich, gelesen zu werden. Es geht um die Liebe, das Leben und dessen Hindernisse. Die Beziehung zwischen Jay und Lea zieht einen sofort in ihren Bann, da sie zwei vollkommen unterschiedliche Leben führen und sich durch ihre verschiedenen Arten ergänzen. Ich kann Kira Gembri nur für diese wundervolle Geschichte danken!

Autorin: Kira Gembri 

Erscheinungsdatum: 01.06.2015

Verlag: Arena
 
Umfang: 336 Seiten

Preis: 14,99 €

ISBN: 9783401601496